Bürgerveranstaltung „30 Jahre Mauerfall“ am 09.11.2019

DSC03278.JPG

Bürgerveranstaltung „30 Jahre Mauerfall“

Gießen. „Freiheit ist kostbar!“ Ein DIN-A4-Zettel, offensichtlich noch schnell ausgedruckt und an die Heckscheibe geklebt, fasst in drei Worten zusammen, weshalb knapp 200 Menschen in der früheren Kantine im Meisenbornweg zusammengekommen sind. Hier, wo früher das Bundesnotaufnahmelager war, würdigen das Regierungspräsidium Gießen, Stadt und Landkreis Gießen sowie die Justus-Liebig-Universität Gießen mit einer Bürgerveranstaltung den historischen 9. November-Samstag. „30 Jahre Mauerfall“ lautet die Überschrift für eine gleichermaßen informative, rührende und mahnende Podiumsdiskussion, eine umfangreiche Ausstellung, Erinnerungen wachrufende Führungen über das Areal und einen akademischen Vortrag. Zwei herbeiknatternde Trabbis waren für Überraschungsgäste – sogar für die Veranstalter.

„Wer, wenn nicht wir? Wo, wenn nicht hier?“, sagt Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich in seiner Begrüßung und bezieht sich damit nicht nur auf das Bundesnotaufnahmelager. Fast eine Million Menschen aus der DDR erlebten im Meisenbornweg ihre ersten Tage und Wochen in der Bundesrepublik. „Gießen war damals ein Synonym für Freiheit.“ Deshalb sollten auch Bürgerinnen und Bürger der Stadt die Möglichkeit haben, sich an diese umwälzende Zeit zu erinnern. „Denn Friede und Freiheit in Deutschland sind allzu selbstverständlich geworden.“ Die junge Generation müsse wissen: „So etwas darf es nicht wiedergeben.“

Landrätin Anita Schneider betont: „Die Bundesnotaufnahmestelle spiegelt den Mut der Menschen wider, die aus der DDR kamen.“ Es gebe keinen passenderen Ort, an dem man die Reflexion des Mauerfalls angemessener begehen könne. Der habe in 1989 eine herausragende Rolle bis zum Mauerfall gespielt: „Wir wussten damals nicht – keiner wusste es – was für ein Jahr vor uns lag“, zitiert sie die Autorin Christa Wolf. Ihre Tochter etwa könne sich heute eine Mauer durch Deutschland nicht mehr vorstellen, berichtet Anita Schneider: „Deshalb ist es auch so wichtig, Erinnerungskultur zu pflegen.“

„Was hier vor 30 Jahren geleistet worden ist, verdient höchste Anerkennung und Respekt“, ermutigt Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz zu einem selbstbewussten Umgang mit der Rolle der Stadt. „Hier herrscht ein Klima der Weltoffenheit und der Toleranz.“ Bis heute sei Gießen ein Ort des Aufatmens, der Sicherheit, der Hilfe und der Unterstützung, auch vor und nach der Zeit der DDR-Flüchtlinge. „Es ist für uns etwas Vertrautes, dass es auf der Welt Menschen gibt, die ihre Heimat verlassen müssen.“ Fluchtbewegungen seien leider eine geschichtliche Konstante.

Die Bürgerveranstaltung selbst startet mit einer Gesprächsrunde. „Aus Geschichtsbüchern können wir vieles erfahren, aber heute gibt es die Gelegenheit, mit Menschen zu reden, die damals live dabei waren“, führt Moderator RP Ullrich ein. HR-Moderator Jörg Bombach war neben Thomas Koschwitz einer der angesagtesten DJs bei den „HR3 Disco-Partys“. Zusammen legten sie am 30. September 1989 bei der Feier auf den Lahnwiesen extra für die DDR-Flüchtlinge auf, als der Eiserne Vorhang bereits deutlich Risse zeigte. „Um 18 Uhr war das riesige Zelt schon voll.“ Dann begann die Party. „Ein Glücksgefühl breitete sich aus von den Menschen, die in einer Innigkeit feierten, wie ich das noch nie erlebt hatte.“

30.000 Leute waren es – so viel wie davor und danach nicht mehr bei einer „HR3 Disco-Party“. Koschwitz und er seien immer wieder den Tränen nah gewesen. „Da war mir klar: Freiheit siegt.“ Um drei, halb vier war Schluss. Einen jungen Mann aus Gotha nahm er in den Morgenstunden noch mit nach Frankfurt zum Flughafen. „Der hat spontan entschieden: Ich fliege nach New York.“ Das Geld dafür hat er sich von Jörg Bombach geliehen. „Da ist der erste Traum wahr geworden“, beschreibt der HR-Mann diesen Moment. Ein kleines Bonmot: Später hat er es per Post im Umschlag zurückbekommen.

Dr. Alois Rhiel war damals im Sommer 1989 gerade frisch zum Regierungspräsidenten ernannt worden. „Wir dürfen nicht vergessen, auch der August war schon mit Spannung geladen.“ Er erinnert an Ungarn und die Ereignisse in der Prager Botschaft. Am 19. August dann ging die grüne Grenze auf. Deutsche durften aus der Prager Botschaft ausreisen. „Diejenigen, die mit den Sonderzügen nach Gießen kamen, waren die Mutmacher für die Bürgerinnen und Bürger in der DDR“, fasst der Staatsminister a.D. zusammen. „Sie waren der Hebel, mit dem der ganze Prozess in Gang kam.“

Insgesamt rollten 14 Sonderzüge in Gießen ein. „Am Bahnhof war das noch nicht so richtig zu spüren. Als die Menschen aber dann hierherkamen, entluden sich die emotionalen Anspannungen.“ Wenn ihn jemand danach frage, welcher der spannendste Moment in seinem gesamten beruflichen Leben gewesen sei, „dann war das dieser Tag“. So viele Gesten des Miteinanders, des Gebens und des Helfens habe er erlebt, vor allem auch aus der Bevölkerung.

„Ich habe nie geglaubt, dass die Mauer jemals fällt“, berichtet Monika Kresov. „Hut ab vor den Leuten, die damals den Mut bewiesen haben.“ Sie selbst gehört zu den frühen Mutigen. Sie kam 1973 mit ihrer Familie im Meisenbornweg an. Vorausgegangen war eine schreckliche Zeit: Die gelernte Schneiderin und ihr Mann wollten fliehen, wurden an der Grenze erwischt, zu einer Gefängnisstrafe von über einem Jahr verurteilt und kämpften danach um ihre Ausreisegenehmigung. Aber auch die Freiheit fordert ihren Preis, den die heutige Mittelhessin im kleinen Erlebnis beschreibt. Bei der Ankunft war ihre Tochter drei Jahre alt und hatte schlimme Ohrenschmerzen. „Medizinisch war da nichts, es war der körperliche Ausdruck für das Vermissen der Großeltern, die sie sehr geliebt hat.“ Freiheit sei grundlegend wichtig, „aber auch das Miteinander zwischen den Menschen muss besser werden, und da meine ich nicht nur zwischen Osten und Westen“.

Eine besondere Würdigung mit viel Applaus erhielt der heute 91-jährige Heinz Dörr. Als Leiter des Bundesnotaufnahmelagers zwischen 1971 und 1990 hat er nicht nur die Geschichte der Wiedervereinigung erlebt, er hat auch an ihr mitgeschrieben. „Ein Chronist hat uns einmal als die verlorene Generation bezeichnet.“ Mit knapp 16 wurde er als Luftwaffenhelfer eingezogen. „Von der Schulbank weg in die Uniform, wir hatten keine Jugend“, sagt er. Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte er als Angehöriger der 12. Armee. „Es war völlig klar, dass der Krieg verloren war.“

Mit diesen Erfahrungen weiß Heinz Dörr: „Deshalb habe ich diese Arbeit hier auch gerne gemacht.“ Und er ist in aller Bescheidenheit auch stolz auf das Geleistete: „Was wir alle hier Tätigen, aber auch die Ehrenamtlichen, hier geleistet haben!“ Wenn er alleine an den November 1989 denke. „Da waren es über 23.000 Menschen, die nach Gießen kamen. Das konnte nur geleistet werden, weil das Verständnis und die Geduld derjenigen, die als Übersiedler kamen, sehr groß waren.“

Die Leitertätigkeit war alles andere als ein normaler Bürojob, erfahren die gespannt Zuhörenden. Heinz Dörr holte auch freigekaufte Häftlinge mitten aus der DDR mit einem Bus ab – inklusive drehbarem Kennzeichen. „Das war so eine Art James Bond-Aktion.“ Zwischen Wartha und Eisenach warteten die DDR-Häftlinge in einem Bus. „Ich glaubte, man kommt in ein Totenhaus.“ Stumm hätten die Menschen darin gesessen. Bis nach der westdeutschen Zollstelle, dann änderte sich alles. „Was sich auf dem Weg nach Gießen abspielte, das kann man mit Worten gar nicht beschreiben.“ Bei dem Lichtermeer von Bad Hersfeld brach „Das Ah und Oh“ aus. Erschütternde Szenen habe er erlebt, „vor allem bei den sogenannten Langstraflern, die zum Teil von Sowjets zum Tode verurteilt worden waren. „Für uns war das nie eine Routine-Aktion, ich war jedes Mal persönlich betroffen und berührt.“

Am 31. Juni 1990 war Heinz Dörr in den Ruhestand verabschiedet worden. Im selben Monat wurde auch die Zentrale Aufnahmestelle in Gießen geschlossen. Das Ende seines Arbeitslebens war gleichzeitig das Ende eines Kapitels deutscher Nachkriegsgeschichte. „Es lehrte uns einmal mehr, was ein menschenverachtendes, verbrecherisches System mit sich bringt. Ich hoffe, es lehrt künftige Generationen, für Freiheit, Recht und Gleichheit einzutreten und nicht politischen Rattenfängern aufzusitzen.“ Ein Schlusswort der Gesprächsrunde, das von langem Applaus begleitet wird.

Ein optischer Blickfang der Bürgerveranstaltung ist die Ausstellung „30 Jahre friedliche Revolution und Deutsche Einheit – als die Flüchtlinge aus der DDR nach Gießen kamen“ mit Interviews, Zeitstrahl und besonderen Ereignissen. Die zwei Projektleiter Thomas Euler und Thomas Knoblauch führen. Diese hatten Auszubildende von Stadt und Landkreis Gießen in zweijähriger Arbeit mit Exkursionen an die deutsch-deutsche Grenze, einem Wissensquiz oder auch in Workshops erarbeitet. In wechselnden Gruppen führen außerdem Manfred Becker (RP-Abteilungsleiter der Erstaufnahmeeinrichtung Hessen) und Ina Velte (RP-Ehrenamtskoordinatorin) insgesamt sechs Gruppen über das Areal und durch die mittlerweile leerstehenden Gebäude.

Während die Führungen laufen, knattern zwei Trabbis auf den Hof am Meisenbornweg, als wären sie ein Teil des Programms. Dahinter stecken die IFA-Freunde Oberhessen aus Lich. Andreas Pappusch hat sich mit der Familie in seinem Trabbi 601 Universal, Baujahr 1979, genauso spontan auf den Weg gemacht wie Christiane Solms mit ihrer grünen Sommervariante mit offenen Türen.

Das Ehepaar Ingeborg und Lutz Barthold gehört zu den Gästen. Sie sind im Frühjahr 1988 nach einer zweimonatigen Irrfahrt unter anderem über Schönefeld, Zagreb, New York in Gießen angekommen. „Mein Mann hatte seit seinem 13. Lebensjahr Probleme mit der Stasi, weil sein Bruder geflüchtet war“, berichtet sie. „Außer Gefängnis haben wir alles durch.“ Die biografischen Unterlagen, den DDR-Pass mit dem Vermerk „Staatsangehörigkeit: Ohne“ und vieles mehr, hat sie in einer Klarsichtfolie dabei. Beide nutzen die Veranstaltung zum Austausch mit den anderen Gästen. „Ich musste einfach kommen“, sagt sie. „Die Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen.“

Den Abschluss der Bürgerveranstaltung bildet der Vortrag „Gießen-Meisenbornweg – ein ,Sehnsuchtsort‘“ von Dr. Jeannette van Laak (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg). Die Historikerin hat in ihrer Zeit an der Justus-Liebig-Universität Gießen als Leiterin des DFG-Projekts „Das Notaufnahmelager Gießen. Eine deutsch-deutsche Beziehungs- und Institutionengeschichte zwischen 1946 und 1990“ geforscht. „Diese Gießener Zeit, das war eine Eventzeit“, erzählt sie an der früheren Wirkungsstätte. Busunternehmen stellten Busse zur Verfügung, Fußballclubs spendeten Freikarten, Softdrinkhersteller stellten Buden auf – es war unüberschaubar viel los am Meisenbornweg im Herbst 1989.

Chronologisch und detailreich breitet Jeannette van Laak die Entwicklung bis dahin vor den Gästen aus, von den provisorischen Baracken in der Nachkriegszeit, geplanten Neubauten am Schlangenzahl bis zur Schließung im Sommer 1990. „Immer war Improvisationsgeschick gefordert sowie flexibles und unkonventionelles Arbeiten notwendig.“ Zum Glück habe es bei dem Fall der Mauer voll funktionsfähige Behörden gegeben. „Wir dürfen gespannt sein, wie es weitergeht. Ich würde mich freuen, wenn es einen Raum für eine Gedenkstätte gäbe: das würde auch den Leistungen der Gießener Bevölkerung gerecht werden.“ Genau an dieser Idee wird gerade in der Wiesbadener Staatskanzlei auf Initiative von Ministerpräsident Volker Bouffier gearbeitet.

Kontakt für Pressevertreter
Pressesprecher: Herr Oliver Keßler
Stabsstelle Presse, Öffentlichkeitsarbeit, Region Mittelhessen
Telefon: 0641-303 2005
Fax: 0641-303 2008
E-Mail: pressestelle@rpgi.hessen.de

Landgraf-Philipp-Platz 1-7
35390 Gießen

Hessen-Suche