„Woraus würden Sie denn vorlesen?“

Zum Bundesvorlesetag: Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich spricht mit dem prämierten Autor Andreas Steinhöfel aus Biedenkopf.

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Autor Andreas Steinhöfel und Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich machten eine Videokonferenz.
Ein intensives Gespräch aus sicherer Corona-Distanz über das Leben als Autor in der Pandemie, die Nominierung für den Astrid Lindgren Memorial Award 2021 und mehr: Andreas Steinhöfel und Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich.

Gießen/Biedenkopf. Der Bundesvorlesetag (Termin: Freitag, 20. November) wird diesmal nicht ganz, aber fast und auf alle Fälle anders ausfallen: sehr verhalten, ungewohnt distanziert bis digital. Andreas Steinhöfel, vielfach ausgezeichneter Autor aus Biedenkopf, legt genauso eine Vorlesepause ein wie Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich. Im Gespräch in der Reihe „Auf eine TelKo mit…“ spricht der RP mit ihm dafür über das Leben als Schriftsteller in der Pandemie, warum er Mittelhessen den Vorzug vor Berlin gibt, über die Nominierung für den Astrid Lindgren Memorial Award 2021, der mit 480.000 Euro weltweit höchstdotierten Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur, und mehr.

Neuer Band gerade erschienen

Regierungspräsident Ullrich liest in Kita oder Grundschule vor, um Kinder für das Schmökern zu begeistern. Andreas Steinhöfel erhält zum Bundesvorlesetag immer Anfragen. „Weil das so viele gerne möchten, mache ich dann benefizmäßig was Kleines, mehr so unterm Radar“, sagt er. Er habe ja tatsächlich das Glück gehabt, drei Lesewochen zwischen Oktober und November absolvieren zu können. Gerade erst ist sein neuer Band um den „tiefbegabten“ Rico, der fünfte, erschienen mit dem Titel „Rico, Oskar und das Mistverständnis“. In den vergangenen fast 30 Jahren hat sich der Autor seit seinem Debüt „Dirk und ich“ einen Namen als Erzähler von Geschichten mit sozial-realistisch wie augenzwinkernd-versöhnlichem Ton erschrieben und dafür unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis für sein Gesamtwerk erhalten. Mit dem ungleichen Jungsgespann Rico und Oskar hat er aber einen Nerv getroffen. Alleine in 40 Sprachen ist der erste Band „…und die Tieferschatten“ von 2008 übersetzt worden und auch die Filmreihe ist ein großer Erfolg. Kurz nach Veröffentlichung von „Rico, Oscar und das Mistverständnis“ kam der Lockdown-Light.

„Woraus würden Sie denn vorlesen?“, möchte RP Ullrich von seinem Gegenüber auf dem Bildschirm wissen. Andreas Steinhöfel überlegt kurz: „Ich würde tatsächlich aus meinem neuen Buch vorlesen, nicht aus Werbegründen, sondern weil ich darauf so eingeschossen bin.“ Als Sprecher habe er es gerade am besten drauf. „Das dauert immer eine Weile, bis man sich da hineingewühlt hat. Was ich aber auch immer gerne vorlese, und da bin ich super altmodisch, das sind Märchen.“ Wichtig ist, und das hat er früh als Autor gelernt: „Keiner von uns mag fehlende Happy Ends, aber Kinder mögen das erst recht nicht, wenn etwas am Ende düster und dunkel bleibt.“

Der pädagogische Zeigefinger ist tabu

Und noch ein Prinzip, dem Andreas Steinhöfel folgt: Der pädagogische Zeigefinger ist tabu. „Der Anspruch von Literatur ist es nicht, zu erziehen oder zu belehren. Wer das will, kann Sachbücher schreiben.“ Wertungen oder Botschaften seien jedoch in erzählten Geschichten unumgänglich. „Aber es ist ein Unterschied, ob ich dem Kind eine einseitige Meinung einbimse und es damit alleine lasse oder ob ich ihm sage ,Schau mal, die Welt ist groß und bunt, viele Menschen haben verschiedene Ansichten und ich möchte dich in die Lage versetzen, dich da zurechtzufinden und dann auszuwählen‘.“ Das sei zwar anstrengender. „Dafür ist es aber auch viel demokratischer.“

Eine Sichtweise, die der Regierungspräsident uneingeschränkt teilt. Beide sind Verfechter der offenen Debattenkultur. Die gesellschaftliche Streitkultur konzentriere sich jedoch immer mehr auf den Streit als die Kultur. Oder wie es Christoph Ullrich sagt: „Ob das Corona, Klima oder die Arbeit betrifft: Ich weiß, wie es ist und alle anderen sind doof, um es ganz verkürzt zu beschreiben.“ Diese Entwicklung mache ihn sehr nachdenklich. „Ich frage mich, wo das herkommt?“

Stichwort: Nutzung digitaler Informationen. „Da hat sich wirklich etwas verändert“, sagt der Autor. „Ich komme ja gar nicht dazu, etwas länger zu durchdenken, weil von allen Seiten Informationen auf mich einströmen.“ Auf die Gesellschaft treffe diese Entwicklung mit ungeheurer Wucht. „Das ist eine echte Revolution, da darf man sich nichts vormachen.“ Regierungspräsident Ullrich ergänzt: „Es könnte auch daran liegen, dass der Korridor für denjenigen, der für seine Meinung eine Bestätigung sucht, im Internet sehr weit ist.“ Hoffnung machen Steinhöfel junge Menschen wie seine zwölfjährige Nichte: „Wie gut die mit ihren Freundinnen damit umgeht, die haben ganz andere Selektionsmechanismen als ich.“ Er denkt, dass das Thema auch wieder „herunterkochen“ wird. „Zumindest hoffe ich, dass man sich nicht mehr gesellschaftlich so schnell einen Zweifrontenkrieg liefert, wo sich alle nur noch über aufgerissene Gräben anbrüllen.“

Kinder ein positives Beispiel

Unabhängig, wie er das politisch bewerte: „Ich wünsche mir insgesamt ein Verhalten bei dem einen oder der anderen, das der Sache angemessen wäre, eine etwas würdevollere und gesetztere Haltung und etwas mehr Standhaftigkeit.“ Kinder sind da aus seiner Sicht wieder ein positives Beispiel: „Die machen ja alles klaglos mit. Ich kenne kein Kind aus meinem Bekannten- und Verwandtenkreis, das sich wirklich beschwert.“ Auch nicht, wenn sie Masken tragen müssten. „Da sollten wir als Erwachsene vorbildhafter sein.“ Die Einschränkungen könnten Tausend mal schlimmer sein. „Ich will es nicht herunterspielen, aber gemessen an dem, was eine Pandemie machen kann, ist das ja wirklich noch das kleinste Niveau.“

Andreas Steinhöfel selbst hat in der Corona-Pandemie Glück, anders als viele freie Kulturschaffende oder Selbstständige, deren Existenzgrundlagen weggebrochen sind. Dessen ist er sich bewusst und dafür ist er auch sehr dankbar. Viele Bücher sind geschrieben. Es wird zwar in Corona viel Computer gezockt, aber eben auch viel gelesen. Dazu kommt noch eine kleine TV-Produktionsfirma, die unter anderem für „Die Sendung mit der Maus“ kurze Animationsgeschichten liefert. Zumal hat er den großen Vorteil, dass er fast immer im Homeoffice sitzt. Denn die Arbeit von Andreas Steinhöfel ist eine, die er – ganz distanzlos – mit sich selbst am Schreibtisch austrägt. Aktuell schreibt er an „etwas Älterem“. Da sitze er schon seit Ewigkeiten dran. „Das ist schön, das jetzt mal anzugehen.“ Was genau das ist, verrät er nicht. Nur so viel: Es ist nicht der sechste Band von „Rico, Oskar und…“. Generell trete er ein bisschen kürzer und nehme das Tempo heraus. Regierungspräsident Ullrich fügt hinzu: „Wenn ich die Bücherwand hinter Ihnen sehe, glaube ich: langweilig wird Ihnen nicht.“ Steinhöfel lacht. „Das ist nur eine von vielen Wänden.“ Die Muße zu lesen hatte er seit Jahren nicht. „Das macht riesigen Spaß, sich wieder wie ein Kind mit zehn Büchern in eine Ecke zu knäulen.“

Bei aller Gelassenheit spürt er die beruflichen Auswirkungen doch ein wenig, bei Lesungen zum Beispiel. Kürzlich fand zur Buchmesse eine Lesung ganz unter Corona-Vorzeichen statt: „Das ist okay, aber ich habe mich ein bisschen schwer damit getan, vor einem reduzierten Publikum zu lesen.“ Das fühle sich wirklich so an wie „Siehst du, jetzt kommen sie nicht mehr!“. Es säßen so wenige Leute da, eben nur so viel, wie dürfen. Will er sich wieder auf gewohnt Gemeinsames freuen, denkt er an die Zeit nach Corona: „Dann lege ich eine Schippe oben drauf.“ Zum Beispiel in seinem Kulturverein in Biedenkopf. „Wir haben vor, ein kulturelles Freudenfeuer abzubrennen, wenn es wieder möglich ist. Und ich hoffe, das wird überall passieren.“

„Ich bin echt ein Landei“

Zwei Jahrzehnte lebte Andreas Steinhöfel nach seiner Jugend in Biedenkopf in Berlin und kam vor zehn Jahren wieder zurück. „Das sind zwar Städte, die beide mit B beginnen, die aber ansonsten doch recht unterschiedlich sind“, sagt der Regierungspräsident und stellt die Frage nach dem Lieblingsort. „Nach Berlin wäre ich nicht freiwillig hingegangen“, antwortet der Autor, „sondern bin das aus Beziehungsgründen. Ich wusste aber immer, ich werde wieder irgendwann zurückgehen aufs Land. Ich bin echt ein Landei.“ Er liebe das Mittelgebirge und sei kein Mensch für das flache Land. „Dazu bin ich auch noch sehr eng mit der Familie, die hat mir auch immer gefehlt.“ Was viele nicht glauben, aber er sei grundsätzlich ein zurückgezogener Mensch. Da gehe man in einer großen Stadt gerne mal unter. „Hier auf dem Land ist das unmöglich, weil du ständig Leute triffst, die du kennst. Das ist ein anderes soziales Eingebettetsein und das finde ich sehr schön.“

Auch beim Arbeiten sei das Landleben kein Nachteil: „Das läuft alles online. Ich war in den vergangenen zehn Jahren dreimal in Berlin aus beruflichen Gründen, und davon war ich zweimal zu Lesungen da. Das hat sich alles ins Digitale verlagert.“ Online-Konferenzen statt realer Treffen. „Als Autor geht das auch mit der Datenleitung gut, da bin ich digital hier am Waldrand nicht abgehängt.“ Gerne würde er mit der Filmproduktionsfirma die Fortsetzung der prämierten Realserie „Dschermeni“ über Flüchtlingskinder angehen, aber das muss eben jetzt warten. „Ich finde es hier in Mittelhessen einfach nur schön.“

Als Endfünfziger habe er natürlich einen ganz anderen Bezug zu den Menschen hier und was das Leben hier ausmache, als das als Teenager der Fall war. „Die Hessen können extrem sturköpfig sein, Berliner sind da anders, die haben immer gleich etwas lauthals Zupackendes.“ Das Hessische liegt ihm deutlich näher. Das einzige Manko für ihn: der nächste ICE-Bahnhof ist bald zwei Stunden entfernt. „Dafür habe ich aber auch Ruhe und Abgeschiedenheit.“ Wer das suche, der habe hier ein Eldorado. „Und“, fügt Regierungspräsident Ullrich hinzu, „Sie sind von hier aus näher an der Frankfurter Buchmesse, wenn sie denn wieder stattfindet.“

„Das ist eine große Ehre“

Noch ein letztes Wort zur Nominierung für den Astrid Lindgren Memorial Award 2021, der oft als Art Nobel-Preis der Kinder- und Jugendliteratur bezeichnet und im kommenden April vergeben wird: „Das ist eine große Ehre, das sind ja die weltweit Besten.“ Das bedeute aber gleichzeitig auch: „Jetzt gucken alle, und ich mag es nicht, wenn Leute so auf mich gucken.“ Alleine über die Nominierung freue er sich sehr. „Astrid Lindgren ist natürlich ein Vorbild. Das ist schon extrem irre, wenn man da im selben Milchtopf herumpaddelt.“ Apropos Astrid Lindgren. Vor Pippi Langstrumpf hatte Andreas Steinhöfel als Kind eine Heidenangst. Er fand sie gruselig. „Aber als Erwachsener habe ich mich weggeworfen. Der hintergründige Humor ist so gut. Deshalb empfehle ich immer: Lest das noch mal als Erwachsener – und das tun ja viele. Und dann lest es euren Kindern vor.“ Auch der Regierungspräsident ist mit Astrid Lindgren groß geworden. Er berichtet von einem Enkelchen, das er kürzlich erst besuchte: „Zuhause hängt da ein kleines Schild mit dem Hinweis: Sei Pippi, nicht Annika!“

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