2700 Arbeitsunfälle in Mittelhessen, RP gibt Tipps in Sachen Arbeitsschutz

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Gießen. Das Regierungspräsidium Gießen ist als Arbeitsschutzbehörde auch für die Untersuchung von Arbeitsunfällen zuständig. Ein meldepflichtiger Arbeitsunfall liegt immer dann vor, wenn ein Arbeitnehmer für mehr als drei Tage arbeitsunfähig wird, oder aufgrund des Unfalls stirbt.
Im letzten Jahr gab es in Mittelhessen etwa 2700 meldepflichtige Arbeitsunfälle bei rund 416.000 Beschäftigten. 175 Unfälle waren so schwerwiegend, dass eine Vor-Ort-Untersuchung durch die Arbeitsschutz-Experten des RP Gießen erforderlich wurde. Bei drei Unfällen verunglückten die Arbeitnehmer tödlich. Bei allen diesen Unfällen spielte die Verletzung von Sicherheitsvorschriften eine Rolle.

Ein besonderer Unfallschwerpunkt ist die Baubranche. Dies geht auch aus den offiziellen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hervor. So gab es im Jahr 2016 23,2 meldepflichtige Arbeitsunfälle auf 1000 Arbeitnehmer im Durchschnitt (alle Wirtschaftsbranchen). In der Bauwirtschaft waren es hingegen 66 meldepflichtige Arbeitsunfälle auf 1000 Arbeitnehmer, nach 62 in den beiden Vorjahren und damit fast 3-mal so viele wie im Durchschnitt (aller Branchen).

Häufig beginnt das erste Gespräch zur Unfalluntersuchung vor Ort mit den Worten „Er wollte doch nur mal schnell …“, wie RP Arbeitsschützer Stefan Runzheimer erklärt. Die meisten Unfälle passieren schlichtweg, wenn für vermeintlich kurzfristige und ungefährliche Arbeiten auf die Einhaltung der gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen verzichtet wird. Egal ob eine für die Arbeiten ungeeignete Leiter anstelle eines Gerüstes verwendet wird und diese dabei samt Arbeitnehmer umstürzt, oder ob Schutzeinrichtungen an Maschinen für kurzfristige Arbeiten außer Funktion gesetzt werden und die Beschäftigten den Gefahren dann letztendlich schutzlos ausgeliefert sind.

Verantwortlich für die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen ist an erster Stelle der Arbeitgeber. „Er hat vor Beginn der Arbeiten eine Gefährdungsbeurteilung zu erstellen und alle notwendigen Maßnahmen zur Sicherheit der Beschäftigten umzusetzen und zu überwachen“, erläutert Runzheimer. Die Arbeitnehmer sind nach erfolgter Unterweisung zur Einhaltung der vom Arbeitgeber festgelegten Maßnahmen verpflichtet.

Auf mittelhessischen Baustellen ereignete sich im Vorjahr glücklicherweise kein tödlicher Arbeitsunfall, jedoch waren die Folgen der dort aufgetretenen Unfälle aufgrund der Schwere mitunter gravierend und sogar mit lebenslangen Einschränkungen für die Betroffenen verbunden. Darüber hinaus sind auch die finanziellen Auswirkungen für die Betriebe nicht zu unterschätzen. Die Berufsgenossenschaften, die als Unfallversicherung zunächst alle Behandlungs- und Reha-Kosten für die Verunfallten übernehmen, gehen gegenüber dem Unternehmer in Regress, wenn in grob fahrlässiger Art und Weise die Sicherheitsbestimmungen nicht beachtet wurden. Fünfstellige Summen sind hierbei die Regel und auch sechsstellige keine Seltenheit. Ebenso können die Unternehmen hinsichtlich ihrer Mitgliedsbeiträge an die Berufsgenossenschaften in einen höheren Tarif eingestuft werden.
Eine Hauptunfallursache auf Baustellen ist die Wahl des falschen Arbeitsmittels für die anstehenden Arbeiten. Bei drei Unfällen in den Landkreisen Gießen und Marburg-Biedenkopf wurden insgesamt vier Arbeitnehmer so schwer verletzt, dass die Arbeitsschützer vom RP Gießen direkt von der Polizei verständigt wurden und unverzüglich die Unfalluntersuchungen aufnahmen. Alle drei Unfälle hätten verhindert werden können, wenn ein Gerüst anstelle der Leiter eingesetzt worden wäre. Denn grundsätzlich gilt, dass Leitern nur für Arbeiten verwendet werden dürfen, bei denen ein geringes Gefährdungsrisiko besteht und wenn aufgrund des zeitlichen Umfangs der Arbeiten die Verwendung eines anderen Arbeitsmittels unverhältnismäßig wäre. Auf Anlegeleitern gilt der Grundsatz mit beiden Füßen auf der Leiter stehen und mit einer Hand festhalten. Somit verbleibt nur noch eine Hand fürs Arbeiten. Ferner dürfen die obersten drei Sprossen nicht benutzt werden. Bei Stehleitern die obersten zwei.

Eine Besonderheit der Baubranche besteht darin, dass die Bauarbeiten fast nie auf dem eigenen Firmengelände ausgeführt werden, sondern immer auf fremden Grundstücken. Dort trifft der Bauunternehmer auf Rahmenbedingungen, die er in der Regel nicht beeinflussen kann, sondern auf die er sich einstellen muss. In der unzureichenden Analyse dieser Rahmenbedingungen und der mangelnden Festlegung von Schutzmaßnahmen liegt eine weitere Hauptursache für Arbeitsunfälle auf Baustellen. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn als durchtrittsicher eingeschätzte Bauteile doch durchbrechen und Arbeitnehmer nach innen in Gebäude stürzen. Dabei sind es oft nur wenige Zentimeter, die zwischen Prellungen und schwersten Verletzungen oder gar dem Tod entscheiden, denn nicht nur die Absturzhöhe entscheidet über die Schwere der Verletzungen, sondern auch die Beschaffenheit des Untergrundes, auf den der Beschäftigte aufkommt. Auch hier gab es im letzten Jahr wieder mehrere schwerwiegende Unfälle, die schlimme Folgen für die Betroffenen hatten.
Das RP Gießen ist für die Überwachung der gesetzlichen Arbeitsschutzvorschriften für alle fünf mittelhessischen Landkreise zuständig. Darüber hinaus sind die Mitarbeiter auch beratend tätig und leisten somit einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von arbeitsbedingten Erkrankungen und Arbeitsunfällen. Bei Fragen erreichen Sie die Experten unter 0641/ 303-0.

Stichwort: Zahl des Monats
Eine Zahl besteht aus einer Ziffer oder mehreren, und sie sagt erst einmal nichts aus. Dahinter verstecken sich aber oft spannende Themen mit einem „Ach, das wusste ich noch gar nicht“-Effekt. In der Reihe „Zahl des Monats“ stellt das Regierungspräsidium Gießen interessante Zahlen aus dem Verwaltungsalltag vor und beleuchtet dabei Wissenswertes. Bürgerinnen und Bürger erhalten dadurch einen noch tieferen Einblick in die Aufgaben einer Mittelbehörde, die viel spannender ist, als vielleicht gedacht.

Kontakt für Pressevertreter
Pressesprecher: Herr Oliver Keßler
Stabsstelle Presse, Öffentlichkeitsarbeit, Region Mittelhessen
Telefon: 0641-303 2005
Fax: 0641-303 2008
E-Mail: pressestelle@rpgi.hessen.de

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