Naht um Naht und mit geübten Handgriffen

PM 075 RP Ullrich übergibt gespendete Nähmaschine an Nähstube in Erstaufnahmeeinrichtung Hessen.jpg

Nähstube in EAE

Gießen. Etwa 150 bis 200 fertige Alltagsmasken entstehen hier täglich aus bunten Stoffen und Gummibändern: Bewohnerinnen und Bewohner der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung fertigen mit großer Begeisterung das vermutlich weltweit gefragteste Produkt. Die von der Petrusgemeinde Gießen betreute Nähstube am Standort in der Rödgener Straße erwies sich dabei schnell als zu klein. Kurzerhand ist ein angrenzender Besprechungsraum zur Produktionsstraße umfunktioniert worden. Ahmad N. und fünf seiner Mitbewohner lassen dort ihrer Liebe zum Nähen freien Lauf. Naht um Naht und mit geübten Handgriffen fertigt der gelernte Schneider einen Mund-Nasen-Behelfsschutz nach dem anderen. Vier Näherinnen aus Eritrea, Afghanistan und dem Iran helfen ihm dabei. Der 47-jährige Mohsen M. kommt mit dem Bügeln kaum hinterher. Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich informierte sich in der Nähstube über das Projekt und hatte ein begehrtes Objekt als Spende dabei: Eine weitere Nähmaschine.

„Ahmad kam Anfang April mit der Idee auf mich zu, Masken zu nähen“, sagt Marcel Mertins, Ehrenamtskoordinator der Petrusgemeinde. In seiner Heimat Afghanistan und auch im Iran habe der 32-Jährige bereits Erfahrungen in Nähereien gesammelt, die er nun an seine Mitbewohner weitergibt. Er habe Mertins gebeten, Interessierte für das Projekt zu gewinnen. Die waren schnell gefunden und angelernt. Mit anfangs zwei Nähmaschinen sowie ein paar Garn- und Stoffresten wurden im Handumdrehen ein paar Übungsobjekte gefertigt.

Freundliche Unterstützer aus den Kirchengemeinden Beuern und Leihgestern stellten Stoffe zur Verfügung, ebenso wie 350 Masken um den ersten Bedarf abzudecken. So nahm die Produktion Fahrt auf. „Inzwischen versorgen wir alle unsere Bewohner und Neuankömmlinge mit den selbst genähten Masken“, berichtet Anne Sussmann, Leiterin des Gießener Erstaufnahme-Standortes, in dem zurzeit rund 1200 Menschen wohnen. Jeder Maske werde ein mehrsprachiger Hinweis mit der empfohlenen Handhabung beigelegt. Denn: Der Mundschutz der „Marke Eigenbau“ erfüllt zwar in Qualität und Sicher-heit nicht die Funktion einer medizinischen Maske, dient aber als psychologische Hilfe und verhindert, sich unbeabsichtigt in das Gesicht zu fassen.

„Unsere Bewohnerinnen und Bewohner schützen sich selbst und andere und befolgen die Auflagen sehr genau“, erläutert die Einrich-tungsleiterin. Sie verfolgten die Bilder der Pan-demie in den Medien, wüssten von der hohen Ansteckungsgefahr. Das Regierungspräsidium weist außerdem an allen Standorten der Erstaufnahme mit Piktogrammen und mehrsprachigen Aushängen auf die Sicherheitsmaßnahmen und Kontaktregelungen innerhalb und außerhalb des Geländes hin, ebenso wie auf die in Hessen geltende Maskenpflicht.

„Dass wir nähen dürfen, ist eine sehr gute Idee und ich bin zufrieden, dass ich etwas Sinnvolles tun kann“, berichtet Ahmad Regierungspräsident Christoph Ullrich, der die Nähstube besuchte. Im Gepäck hatte er eine Nähmaschine, um die Gemeinschaftsproduktion zu unterstützen. „Dieses Beispiel zeigt, viele Flüchtlinge bringen wichtige Fertigkeiten aus ihren Heimatländern mit, mit denen sie hier ein eigenes, erfolgreiches Projekt etabliert haben“, sagt RP Ullrich. „Besonders danke ich dabei der Petrusgemeinde Gießen, die ehrenamtlich zur Integration unserer Bewohner einen wichtigen Beitrag leistet.“

Während die Nähmaschine unablässig unter seinen Fingern rattert, erzählt Ahmad stolz, ihm würden großer Zuspruch und Dankbarkeit für seine Arbeit entgegengebracht. Weitere Stoffspenden, Garn oder eine Bügelstation wären ihm sehr willkommen, um auch andere Standorte der Erstaufnahme oder die den Landkreisen und Kommunen zugewiesenen Geflüchteten mit Masken ausstatten zu können.

Alle Spenden werden von Marcel Mertins, Ehrenamtskoordinator der Petrusgemeinde, abgestimmt (E-Mail: Marcel.Mertins@petrusgemeinde-giessen.de).

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