Gießen/Darmstadt/Kassel. 114 Tier- und Pflanzenarten stehen zurzeit in der Europäischen Union auf der Liste der invasiven Arten. Sie alle haben gemein, dass sie die biologische Vielfalt bedrohen und ganze Ökosysteme verändern. Noch dazu können sie sich negativ auf Gesundheit und Wirtschaft auswirken. Mit der Listung treten für all diese Tier- und Pflanzenarten umfängliche Verbote in Kraft. So sind zum Beispiel Einfuhr, Transport, Handel, Haltung und Kultivierung sowie Ausbringung aller Arten der Unionsliste grundsätzlich verboten. Gleichzeitig können unterschiedliche Maßnahmen ergriffen werden, um diese Arten in der Natur einzudämmen. Die Maßnahmen werden von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union in sogenannten Management- und Maßnahmenblättern zusammengestellt. Ab dem 21. September läuft dazu eine Öffentlichkeitsbeteiligung, bei der Bürgerinnen und Bürger Anmerkungen und Vorschläge zu neuen Entwürfen beisteuern können. Im Fokus stehen dabei drei Säugetierarten, zwei Fischarten, eine Krebsart, eine Weichtierart und fünf Pflanzenarten.
Zu den Säugetierarten gehören Sika-Hirsch, Mink und der Kanadische Biber. Der Sika-Hirsch ist etwa so groß wie Damwild und diesem auch in der Fellfärbung sehr ähnlich. Allerdings unterscheidet sich das Geweih: Es ist nicht schaufelartig wie beim Damhirsch, sondern es bildet sich nur je eine Stange mit zwei bis fünf Enden. Ursprünglich über weite Bereiche Asiens verbreitet, wurde Sikawild zur Jagd in Europa angesiedelt. Die Art stellt eine Nahrungskonkurrenz zu heimischem Wild dar. Der Mink, auch Amerikanischer Nerz genannt, wurde gezielt zur Pelzproduktion eingeführt. Vermutlich begründeten aus Pelzfarmen geflüchtete Exemplare die ersten freilebenden Populationen in Europa. Als dämmerungs- und nachtaktive Tiere machen sie Jagd auf Kleinsäuger, Amphibien, Reptilien, Vögel, Krebse und Fische und gefährden somit die Verbreitung zahlreicher heimischer Arten. Der Kanadische Biber ist nach dem Wasserschwein das zweitgrößte Nagetier der Welt. Mit maximal 1,3 Metern wird die invasive Art größer und schwerer als der Europäische Biber. Eine sichere Unterscheidung ist in der Regel nur durch eine genetische Untersuchung möglich. Die Tiere sind eine große Konkurrenz zum heimischen Biber, da beide Arten dieselbe ökologische Nische besetzen, es zur Kreuzung und damit zum Verlust genetischer Merkmale kommen könnte.
Bei den zwei Fischarten handelt es sich um den Asiatischen Schlammpeitzger und den Nordchinesischen Schlammpeitzger. Beide von Südostasien bis Sibirien vorkommenden Arten wurden vermutlich als Zierfische und als Nahrungsquelle beziehungsweise Lebendköder für die Fischwirtschaft nach Europa gebracht. Die invasiven Arten besiedeln langsam fließende bis stehende Gewässer, bevorzugt mit schlammigem Untergrund, in dem sie sich vergraben können. Sie überleben in sauerstoffarmen Gewässern und überdauern auch Trockenphasen. Die nachtaktiven Tiere fressen am Boden lebende Wirbellose, Pflanzen und Algen. Weibchen können mehrere Tausend Eier legen. Massenbestände sowie Konkurrenz gegenüber und Übertragung von Fischparasiten auf heimische Arten sind mögliche Auswirkungen.
Der ursprünglich aus Nordamerika stammende Kalikokrebs ist in Hessen bereits entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse verbreitet. Die Art stellt keine großen Ansprüche an ihre Umgebung und bevorzugt warme Altarme und Restwassertümpel. Kalikokrebse vermehren sich sehr stark. Zudem können seine über einen Meter langen Bruthöhlen die Ufersicherheit massiv gefährden. Er ist, wie alle Amerikanischen Krebsarten, Überträger der tödlichen Pilzkrankheit Krebspest. Er selbst ist immun, während daran in kürzester Zeit die wenigen verbliebenen Restbestände heimischer Krebse zugrunde gehen können.
Die Amerikanische Trogmuschel ist eine marine Spezies und wird daher vor allem entlang der Küsten zum Problem. Sie bevorzugt Brackwasser und findet im Wattenmeer daher perfekte Lebensbedingungen. In Nord- und Ostsee sind bereits Massenbestände beobachtet worden.
Zu den neu gelisteten fünf Pflanzenarten gehören Nadelkraut, der Rundblättrige Baumwürger und drei eng verwandte Arten der Japanknöterich-Sippe. Das Nadelkraut ist ursprünglich in Neuseeland beheimatet und als unkomplizierte Wasserpflanze in Aquaristik und Gartenbau beliebt. Doch schon seit den 1970er Jahren sind in Europa Vorkommen in der freien Natur bekannt. Nadelkraut bildet in kürzester Zeit dichte Massenbestände, die an der Oberfläche schwimmen. Die Art verdrängt heimische Wasserpflanzen und schädigt durch Ausdunklung ganze Lebensräume, wird somit zum Problem für eine Vielzahl heimischer Arten, die Süß- und Brackwasserbereiche besiedeln.