Gießen/Stadtallendorf. Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich hat im Hauptsitz der Firma Fritz Winter Eisengießerei GmbH & Co. KG in Stadtallendorf einen Genehmigungsbescheid an Prokurist Markus Semmler übergeben. Hintergrund ist das strategische Ziel des Unternehmens, bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu werden. Um dies umzusetzen, wurde im Jahr 2023 ein Investitionsprogramm mit einem Gesamtvolumen von über 300 Millionen Euro zur Dekarbonisierung und Modernisierung der Produktionslinien beschlossen. Das Unternehmen gilt als größte Eisengießerei Europas. Die genehmigte Schmelzleistung pro Woche entspricht mehr als dem zweieinhalbfachen Gewicht der Stahlkonstruktion des Eiffelturms.
Vor drei Jahren ist die Errichtung und der Betrieb einer neuen Tiegelofenanlage beantragt worden, die Ende 2024 in Betrieb genommen worden ist. Seit 2023 wurden am Standort Stadtallendorf fünf immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren mit einem Investitionsvolumen von 102 Millionen Euro durch das Regierungspräsidium (RP) Gießen abgeschlossen. Der aktuell letzte und nun übergebene Bescheid zum Genehmigungsverfahren G141 betrifft die Umstellung der Gießlinie 4 auf ecoCasting, einem nachhaltigen Verfahren, das das Unternehmen selbst entwickelt hat.
Abschluss der ersten Umbauphase
„Wenn wir nach einer intensiven Prüfung einen Antrag genehmigen können, mit dem sich ein Unternehmen für die Zukunft weiterentwickelt und dafür sehr viel Geld in die mittelhessische Region investiert, dann übergebe ich einen Bescheid besonders gerne“, sagt Regierungspräsident Ullrich in Anwesenheit des RP-Mitarbeiters Alexander Zöllmann. Der hat neben anderen Beschäftigten das Verfahren betreut. Für Prokurist Markus Semmler stellt der mittlerweile fünfte Bescheid eine Zäsur dar: „Dieses Genehmigungsverfahren ist für uns von besonderer Bedeutung, markiert es doch den Abschluss der ersten Umbauphase. Fritz Winter befindet sich derzeit in einer herausfordernden Situation – und genau deshalb haben wir eine bewusste Entscheidung für die Zukunft getroffen: Wir verlassen alte Pfade und beschreiten neue, klimaneutrale und nachhaltige Wege. Diese Transformation kostet Geld, Mut und Geduld, doch sie sichert zugleich die Zukunft des Unternehmens und seiner Arbeitsplätze. Für die ausgesprochen gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium Gießen sind wir sehr dankbar.“
Trotz des ambitionierten Zeitplans wurde im Zuge dieser Umbauphase ebenfalls ein Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung durchgeführt, da das Unternehmen hier eine freiwillige Umweltverträglichkeitsprüfung beantragt hatte. Gegenstand des Verfahrens war unter anderem die Erweiterung einer Kernmacherei, sodass die notwendigen Kerne für die nun genehmigte Gießlinie in ausreichender Zahl bereitgestellt werden können. Bei einem Kern handelt es sich um einen massiven Körper, der in die Gießform eingelegt wird. Im späteren Gussteil werden so Hohlräume oder auch komplexe Innenkonturen erzeugt. Er besteht für gewöhnlich aus speziell gebundenem Sand und wird nach dem Gießprozess zerstört.
Die Investitionskosten für die Umstellung der Gießlinie 4 auf ecoCasting liegen bei circa 32,5 Millionen Euro. An diesem Band werden Produkte der Antriebssparte wie Zylinderblöcke und -köpfe sowie Getriebegehäuse abgegossen. Im ecoCasting-Verfahren werden die Gussstücke ausschließlich unter Verwendung von Kernsanden hergestellt. Die ressourcenschonendere Produktion ermöglicht einerseits eine höhere Maßgenauigkeit der Gussteile, durch die sich das Gewicht eines Zylinderblocks um fast ein Drittel (30 Prozent) reduziert.
Andererseits kann der eingesetzte Sand durch eine Regenerierungsanlage weitgehend wiederverwendet werden. Das soll circa eine Million Tonnen Sand pro Jahr am Standort einsparen. Das entspricht der Menge von etwa 500.000 zwei mal zwei Meter großen Sandkästen. Bestandteil des Projekts ist außerdem der Betrieb einer regenerativen Nachverbrennung, die die Einhaltung der Abluftgrenzwerte an der Gieß- und Kühlstrecke sicherstellt.