Hannah Zerbe (rechts) und Julia Heinze blicken auf Felder.

Regierungspräsidium Gießen

Wenn die Singvögel still sind…

Regierungspräsidium Gießen beauftragt Rebhuhn-Monitoring in Langgöns – Unterwegs mit Hannah Zerbe und Julia Heinze von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e. V.

Gießen/Langgöns. „Mein Kollege sagt immer: Wenn die Singvögel still sind, fangen die Rebhühner an“, schmunzelt Hannah Zerbe von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e. V. (HGON). Genau so ist es auch am Rande des Gewerbegebiets Perchstetten in Langgöns, als sie sich bei Sonnenuntergang mit ihrer Kollegin Julia Heinze trifft. Sie sind im Auftrag des Regierungspräsidiums Gießen unterwegs, um Rebhühner – übrigens der Vogel des Jahres 2026 – ausfindig zu machen und zu zählen. Das geschieht bei Einbruch der Dunkelheit, denn dann fühlen sich die Tiere sicher und es wird lautstark gebalzt. Schließlich sind die Hähne, kaum dass der letzte Schnee geschmolzen ist und der Frühling beginnt, auf der Suche nach einem Weibchen.

Zählung der Tiere wichtig

Schon seit 2019 werden die Bestände der Rebhühner im Süden des Landkreises Gießen und in Hüttenberg im benachbarten Lahn-Dill-Kreis, dem sogenannten Projektraum Gießen-Süd, erfasst. „Das Land Hessen hat im Rahmen der Biodiversitätsstrategie ein Sonderprogramm aufgelegt, um dem Rückgang von Rebhuhn, aber auch Feldhamster und Feldlerche entgegenzuwirken“, erklärt Bettina Schreiner von der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Gießen. Im Projektgebiet „Gießen-Süd“ koordiniert das Regierungspräsidium Gießen gemeinsam mit der Abteilung für den ländlichen Raum der Landkreise Lahn-Dill und Gießen die Bemühungen aller haupt- und ehrenamtlichen Akteure – darunter Landwirte, Jäger, Behörden, Naturschutzverbände sowie die Kommunen Langgöns, Pohlheim, Linden, Hüttenberg und die Stadt Gießen. Auf einer Fläche von 3.300 Hektar werden verschiedene Maßnahmen zum Schutz von Rebhuhn, Feldhamster, und Feldlerche gefördert. Dazu legen die Landwirte vor Ort Blühflächen und mehrjährige streifenförmige Kulturen an und verzichten in Teilen auf die Ernte.

Die Zählung der Tiere ist ein wichtiger Baustein in diesem Projekt. Sie zeigt, ob die Bemühungen Erfolg haben oder nicht und hilft, die Maßnahmen zu steuern. Hannah Zerbe und Julia Heinze sind für das Monitoring bestens ausgestattet. Sie haben Fernglas und Wärmebildkamera dabei und dazu einen kleinen Lautsprecher, auf dem sie die Rufe der Hähne abspielen. Das stört die echten Hähne, die ihr Revier verteidigen wollen, und sorgt für empörte Antworten. Genau die sind es, die die beiden HGON-Mitarbeiterinnen hören wollen. Mit bloßem Auge sind die Tiere nämlich nicht zu sehen. Sie verstecken sich gekonnt in den Ackerfurchen und auf den Wiesen. Aber durch ihre Rufe verraten sie sich. Etwa eine halbe Stunde haben Hannah Zerbe und Julia Heinze Zeit für die Erfassung, dann ist es dunkel und die Rufe der Rebhühner verstummen. Die festgelegte Route, die die beiden ablaufen, ist etwa einen Kilometer lang. Immer wieder bleiben sie stehen, starten die Klangattrappe, blicken durch die Wärmebildkamera und notieren, wie viele Tiere sie gehört beziehungsweise gesehen haben.

Ein Rebhuhn steht auf einem Acker.

„Letztes Jahr haben wir hier vier Rebhühner gehört, das war schon mal sehr vielversprechend“, erinnert sich Hannah Zerbe. In diesem Jahr ist die Suche ebenso erfolgreich. Julia Heinze kommt an diesem Abend mit der üblichen Zählmethode auf vier rufende Hähne. Ihre Kollegin mit der Wärmebildkamera hat einen großen Vorteil, da sie die Tiere sehen kann, und kommt auf vier Pärchen und drei einzelne Rufer. Wichtige Erkenntnis: Nicht alle Pärchen, sondern nur zwei davon, haben sich lautstark bemerkbar gemacht.

Die Wärmebildkamera kommt beim aktuellen Monitoring im Projektraum Gießen-Süd erstmals zum Einsatz. Denn es geht darum, die Methodik der bisherigen Erfassungen zu evaluieren, um die Ergebnisse besser einordnen zu können. Die HGON-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter werden noch bis zum 20. März unterwegs sein. Nicht nur in Langgöns, sondern in insgesamt 40 genau definierten Bereichen. Hannah Zerbe in Langgöns, Dr. Tobias Erik Reiners in den Gebieten Gießen-Allendorf und Flugplatz Lützellinden und Matthias Korn ist Richtung Pohlheim und Leihgestern unterwegs. Sie alle arbeiten nach derselben Methode mit Klangattrappe und Wärmebildkamera.

Höchste Dichte an Rebhühnern bundesweit

Die Ergebnisse werden im Anschluss zusammengefasst. Bettina Schreiner freut sich schon auf den Bericht und die neuen Erkenntnisse. „Damit und mit allen anderen Aktionen bekommen wir Antworten auf wichtige Fragen. Wir wollen nicht nur wissen, wie viele Rebhühner hier leben, sondern auch, wo sie brüten, wie sie den Winter verbringen und wie viele Jungtiere sie großziehen können“, sagt die RP-Mitarbeiterin. Gerade Letzteres ist schwierig. Etwa 20 bis 25 Eier legt ein Rebhuhn im Jahr. „Aber nur wenige Nachkommen überleben“, weiß Hannah Zerbe, die das Monitoring in Hessen organisiert. Da Rebhühner in der offenen Landschaft leben und brüten, werden die Eier oftmals von Füchsen, Mardern oder Waschbären gefressen. Auch die Jungtiere sind eine leichte Beute. Umso interessanter ist es, zu wissen, wie viele von ihnen durchkommen. Aus diesem Grund wurden im Herbst 2024 erstmals die Bruterfolge kontrolliert. In der Probefläche Grüninger Warte beispielsweise waren es mindestens sieben Familien mit 48 Jungvögeln. 2025 wurden hier zwar weniger Paare nachgewiesen, aber sie hatten einen besseren Bruterfolg. Aber insgesamt, so geht es aus dem Bericht hervor, war auch 2025 ein sehr gutes Jahr für die Rebhühner. Bettina Schreiner ist daher schon gespannt, was die nächste Zählung im Herbst ergibt. „Das Projektgebiet Gießen-Süd konnte bislang die höchste Dichte an Rebhühnern bundesweit vorweisen. Ich bin optimistisch, dass das so bleibt“, sagt Bettina Schreiner.

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Oliver Keßler

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