Die Burgwaldforelle in ihrem Element

Informationen zum Projekt „Burgwaldforelle“

Ein Modellprojekt für Hessens Forellenbäche

Bachforellen bilden in vielen Gewässern kleinräumig angepasste Populationen. Diese genetische Vielfalt ist eine wichtige Voraussetzung für stabile Bestände und ihre Anpassungsfähigkeit an Umweltveränderungen und den Klimawandel. In vielen Fließgewässern ist sie jedoch durch jahrzehntelangen Besatz mit überregionalen Zuchtforellen, Lebensraumverluste und Gewässerfragmentierung weitgehend verloren gegangen. 2023 wurde die Bachforelle erstmals bundesweit in der Roten Liste als gefährdet eingestuft.

Im Roten Wasser im Burgwald, einem Zufluss der Ohm im Landkreis Marburg-Biedenkopf, lebt eine genetisch eigenständige und weitgehend ursprüngliche Bachforellenpopulation – die sogenannte Burgwaldforelle. Diese regionale Linie ist vermutlich besonders gut an die Umweltbedingungen heimischer Mittelgebirgsbäche angepasst.

Hier setzt das Burgwaldforellenprojekt des Landes Hessen an. Ziel ist es, diese wertvolle genetische Linie zu sichern und ihre Gene kontrolliert in geeigneten Bächen des oberen Lahn- und Ohmsystems zu etablieren. Dabei wird bewusst ein pragmatischer Ansatz verfolgt: Bestehende Bestände sollen nicht vollständig ersetzt werden. Stattdessen erfolgt eine schrittweise genetische Aufwertung der Populationen in Richtung eines regionaltypischen und widerstandsfähigeren Genpools.

Grundlage des Projekts sind ein gesicherter Zuchtstamm aus der Wildpopulation, sorgfältig ausgewählte Projektgewässer, umfangreiche Voruntersuchungen sowie ein mehrjähriger wissenschaftlich begleiteter Besatz. Die Besatzmaßnahmen erfolgen jeweils im Frühjahr, im Herbst folgt eine wissenschaftliche Erfolgskontrolle. Dabei werden die Forellen genetisch untersucht sowie vermessen und gewogen.

Die bisherigen Ergebnisse fallen sehr positiv aus: Die eingesetzten Burgwaldforellen überleben in allen Projektgewässern erfolgreich und erreichen stabile Bestandsanteile. Zudem zeigen sie bei den Kontrollen häufig größere Körperlängen, höhere Gewichte und eine bessere Kondition als gleichaltrige ortsständige Bachforellen.

Langfristig kann sich die Bachforelle jedoch nur dann nachhaltig erhalten, wenn geeignete Lebensräume vorhanden sind und regional angepasste genetische Linien bestehen bleiben. Das Burgwaldforellenprojekt verbindet daher moderne Genetik, Gewässerentwicklung und Artenschutz. Es ist bewusst regional im oberen Lahn- und Ohmsystem verankert, besitzt jedoch Modellcharakter für weitere Regionen in Hessen.

Perspektivisch soll das Konzept schrittweise erweitert werden, indem weitere möglichst ursprüngliche Bachforellenpopulationen identifiziert werden. Ziel ist es, zusätzliche Forellengewässer in Mittelhessen mit regional angepasstem, möglichst autochthonem Besatzmaterial aufzuwerten und so langfristig zur Sicherung der biologischen Vielfalt in heimischen Fließgewässern beizutragen.

Historie und Berichte

Im Oberlauf des Roten Wassers, einem im Burgwald entspringenden rechtsseitigen Zufluss der Ohm, entdeckte das Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau (heute Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau, RPTU) Hinweise auf eine genetisch besondere, isolierte Bachforellenpopulation. Spätere Untersuchungen bestätigten eine eigenständige, weitgehend ursprüngliche Linie – die sogenannte „Burgwaldforelle“.

Im Auftrag der Oberen Fischereibehörde beim Regierungspräsidium Gießen wurde in der Fischzucht Wetterfeld (Familie Lierz) ein wissenschaftlich begleiteter Zuchtstamm der Burgwaldforelle etabliert, der der Erzeugung von Besatzfischen dient. Der Zuchtstamm umfasst Elterntiere sowie daraus hervorgegangene Folgegenerationen und basiert auf der regelmäßigen Gewinnung von Geschlechtsprodukten aus der Wildpopulation im Roten Wasser, deren künstlicher Befruchtung und der anschließenden kontrollierten Aufzucht.

Zur Sicherung der genetischen Vielfalt und zur Vermeidung von Inzucht- und Domestikationseffekten erfolgt eine fortlaufende genetische Ergänzung aus der Wildpopulation. 

Zur Erprobung der Besatzstrategie wurden Burgwaldforellen aus dem Zuchtstamm testweise in ausgewählte Zuflüsse des Lahnsystems eingesetzt und wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse zeigten eine grundsätzlich gute Eignung des Besatzmaterials, machten jedoch auch deutliche Einschränkungen sichtbar: Der Besatzerfolg erwies sich als stark abhängig von Gewässertyp, Habitatverfügbarkeit und sommerlicher Wasserführung. Insbesondere Brütlingsbesätze waren in trockenen Jahren durch Niedrigwasser, Abwanderung und Habitatverluste deutlich eingeschränkt.

Die Testphase verdeutlichte damit die Notwendigkeit, vor einer Ausweitung des Projekts belastbare Grundlagendaten zu Gewässerzustand, Bestandsstruktur und Umweltbedingungen zu erheben. Nur so lassen sich Besatzstrategien gezielt anpassen und spätere Erfolgskontrollen fachlich fundiert einordnen.

Zur Vorbereitung der Hauptphase wurden im Rahmen einer Vorstudie zahlreiche Gewässer im Lahneinzugsgebiet systematisch untersucht. Ziel war es, geeignete Projektgewässer zu identifizieren und belastbare Grundlagendaten für die Bewertung späterer Besatzerfolge zu schaffen. Untersucht wurden unter anderem Habitatqualität, Fischbestände, genetische Ausgangssituation, chemisch-physikalische Wasserparameter sowie die Nahrungsverfügbarkeit. Auf dieser Basis wurden acht besonders geeignete Gewässer bzw. Gewässerabschnitte ausgewählt, die in der folgenden Hauptphase über mehrere Jahre gezielt besetzt und wissenschaftlich begleitet werden. Im Rahmen der Voruntersuchungen wurde deutlich, dass selbst in vergleichsweise gut erhaltenen Gewässerabschnitten erhebliche Defizite in der Habitatqualität für Bachforellen bestehen; zugleich wurden zahlreiche Maßnahmen identifiziert, die mit verhältnismäßig geringem Aufwand im Rahmen der regulären Gewässerunterhaltung umgesetzt werden können.

Ziel der Hauptphase ist es, die genetisch eigenständige Burgwaldforelle schrittweise in ausgewählten Bächen des oberen Lahn- und Ohmsystems zu etablieren und bestehende Bachforellenbestände, hervorgegangen aus Besatz mit überregionalen Zuchtforellen, gezielt genetisch aufzuwerten bzw. zu überprägen.

Seit 2024 werden acht auf Basis der Vorstudie ausgewählte Gewässer bzw. Gewässerabschnitte über mehrere Jahre wissenschaftlich begleitet besetzt. Der Besatz erfolgt alternierend mit Brütlingen und Setzlingen aus dem gesicherten Zuchtstamm, ergänzt durch regelmäßige fischökologische Bestandsaufnahmen, genetische Erfolgskontrollen (Elternschaftsanalysen) sowie die Ableitung habitatverbessernder Maßnahmen.

Erste Ergebnisse:
Bereits nach den ersten beiden Besatzzyklen (2024/2025) sind Burgwaldforellen in allen Projektgewässern genetisch nachweisbar. Die Anteile in den Jungfischjahrgängen liegen – je nach Gewässer – zwischen etwa 27 % und 68 %. Gleichzeitig zeigen die eingesetzten Fische höhere Körperlängen, Gewichte und Konditionsfaktoren als gleichaltrige ortsständige Bachforellen, wobei sich deutliche Unterschiede zwischen den Gewässern abzeichnen.

In erster Linie soll das Projekt durch die Einbindung der fischereilichen Bewirtschafter, die Umsetzung habitatverbessernder Maßnahmen im Rahmen der Gewässerunterhaltung sowie eine schrittweise Weiterführung des Projekts fortgeführt werden, um langfristig selbsttragende, reproduzierende Bachforellenbestände im oberen Lahn- und Ohmsystem aufzubauen und zu sichern.

Zugleich besitzt das Burgwaldforellenprojekt Modellcharakter für andere Gewässersysteme in Mittelhessen. Perspektivisch sollen weitere möglichst ursprünglich erhaltene Wildpopulationen identifiziert werden, um daraus regionale Zuchtstämme aufzubauen und das Projekt schrittweise auf weitere Bachsysteme zu übertragen. Hinweise von fischereilichen Bewirtschaftern auf potenziell autochthone Bestände werden daher dankbar entgegengenommen.

Steckbrief: Bachforelle

Verbreitung:
Europa, Westasien und Teile Nordafrikas. In Deutschland vor allem in kühlen, sauerstoffreichen Fließgewässern der Alpen, Mittelgebirge und geeigneten Tieflandbäche.

Lebensraum:
Klare, strukturreiche Bäche und Flüsse mit kiesigem Untergrund. Wichtig sind geeignete Laichplätze sowie flache Uferbereiche für Jungfische.

Größe:
Meist 20–50 cm, in großen Gewässern deutlich größer; maximal über 90 cm.

Nahrung:
Vor allem Wasserinsekten und deren Larven, außerdem Kleinkrebse, Würmer und kleine Fische.

Fortpflanzung:
Laichzeit von Oktober bis Januar. Die Eier werden in Kiesgruben im Gewässergrund abgelegt.

Besonderheit:
Bachforellen bilden häufig lokal angepasste Populationen. Ursache ist ihre ausgeprägte Standorttreue: Viele Tiere bleiben ihr Leben lang in einem kleinen Abschnitt ihres Heimatgewässers oder kehren zur Fortpflanzung in ihr Herkunftsgewässer zurück.

Gefährdung:
In Deutschland als gefährdet eingestuft. Hauptursachen sind Lebensraumverlust, Wanderhindernisse, Gewässererwärmung und Besatz mit nicht regional angepassten Zuchtforellen.

Schutz:
Erhalt naturnaher, durchgängiger Fließgewässer und Förderung regional angepasster Forellenpopulationen.

Systematik

  • Familie: Lachsfische (Salmonidae)
  • Gattung: Salmo
  • Art: Salmo trutta
  • ökologische Form: Bachforelle (Fließgewässerform)

Verbreitung

  • Die Bachforelle ist ursprünglich in Europa, Westasien und Teilen Nordafrikas verbreitet und zählt zu den am weitesten verbreiteten Forellenarten der Welt.
  • In Deutschland kommt sie vor allem in kühlen, sauerstoffreichen Fließgewässern der Alpen, Mittelgebirge und geeigneten Tieflandbäche vor. Sie ist die typische Leitart der sogenannten Forellenregion von Fließgewässern.
  • Neben der Bachform existieren auch Seeforellen (Seen) und Meerforellen (wandernde Populationen) – alles ökologische Formen derselben Art

Lebensraum

  • Bachforellen bevorzugen kühle, klare und sauerstoffreiche Gewässer mit strukturiertem Gewässerbett. Typische Lebensräume sind:
  • strukturreiche Bäche und Flüsse
  • kiesige Gewässerabschnitte mit Strömung
  • Bereiche mit Unterständen (Steine, Totholz, Uferwurzeln)
  • Besonders wichtig sind kiesige Laichplätze und flache Uferbereiche für Jungfische.

Größe und Alter

  • meist 20–50 cm
  • in größeren Flüssen und Seen deutlich größer
  • Maximallängen über 90 cm möglich
  • Das Wachstum hängt stark von Gewässergröße, Nahrung und Temperatur ab.

Erkennungsmerkmale

  • braun bis oliv gefärbter Körper
  • schwarze und oft rote Punkte auf den Flanken
  • schlanker, stromlinienförmiger Körper
  • kleine Fettflosse (typisch für Lachsfische)
  • Färbung und Muster variieren stark je nach Gewässer.

Nahrung

  • Die Bachforelle ist ein opportunistischer Räuber, der seine Nahrung stark an das verfügbare Nahrungsangebot des Gewässers anpasst. Ihre Nahrung besteht vor allem aus:
  • Wasserinsekten und Insektenlarven
  • Kleinkrebsen und Schnecken
  • Würmern
  • kleinen Fischen (bei größeren Exemplaren)
  • Größere Forellen können auch Amphibien oder Artgenossen fressen.

Fortpflanzung

  • Die Laichzeit liegt in Mitteleuropa meist zwischen Oktober und Januar.
  • Weibchen schlagen eine Laichgrube im Kies („Redd“)
  • Eier werden im Kies abgelegt und befruchtet
  • Entwicklung der Eier erfolgt im Kiesbett
  • Schlupf nach mehreren Wochen, abhängig von der Wassertemperatur
  • Die Jungfische bleiben zunächst im Kies verborgen und ernähren sich vom Dottersack, bevor sie aktiv Nahrung aufnehmen.

Besondere ökologische Eigenschaft

Bachforellenpopulationen sind häufig kleinräumig genetisch differenziert. Ursache ist vor allem die ausgeprägte Standorttreue der Tiere und ihr Homing-Verhalten: Viele Forellen kehren zum Laichen in den Abschnitt ihres Herkunftsgewässers zurück. Dadurch entstehen über lange Zeiträume lokal angepasste Populationen, die genetisch an die spezifischen Umweltbedingungen ihres jeweiligen Gewässers angepasst sind. Gewässerbarrieren können diese Differenzierung zusätzlich verstärken, sind jedoch meist nicht ihre ursprüngliche Ursache.

Gefährdung

Die Bachforelle wird in Deutschland inzwischen als gefährdet eingestuft.

Wichtige Ursachen sind:

  • Gewässerausbau und Lebensraumverlust
  • Wanderhindernisse (z. B. Wehre)
  • Erwärmung der Gewässer durch Klimawandel
  • Besatz mit nicht regional angepassten Zuchtforellen

Schutz

Der Schutz der Bachforelle erfordert vor allem den Erhalt und die Verbesserung naturnaher Fließgewässer. Wichtige Maßnahmen sind:

  • Wiederherstellung strukturreicher Gewässer
  • Verbesserung der Durchgängigkeit von Flüssen und Bächen
  • Schutz und Entwicklung geeigneter Laich- und Jungfischhabitate
  • Förderung regional angepasster, autochthoner Forellenpopulationen

Projektpartner:

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